Glückslängen

Wenn du eine Stunde glücklich sein willst, betrinke dich.
Wenn du ein Jahr glücklich sein willst, nimm dir eine Frau.
Wenn du ein Leben lang glücklich sein willst, kümmere dich um den Garten.
Badisches oder chinesisches Sprichwort

Der Schnaps steht im Hochbeet,
die Frau hackt irgendwo zwischen Bildhinter- und vordergrund
- beides umgeben von dem Garten, um den ich mich kümmere.

 

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Das Insektenhotel

Eine Meisterleistung ingeniöser Baukunst ist unser jüngst aus einer alten Teekiste zusammengeleimtes Insektenhotel. Dass sich die Insekten bislang standhaft weigern, in selbiges einzuziehen, befremdet uns etwas. Die Kinder versuchen sich als Fluglotsen und geben sich die größte Mühe, vorbeisurrendes Getier dorthin zu leiten. Allein: Es hilft nichts. Und das obwohl zur Verdickung und Klebrigkeitsmachung von Zwischenraum-Füllsand wohlschmeckendes Rübenkraut untergerührt wurde. Hinweise, wie sich da willenlose Insekten hineinzwingen lassen, bitte in die Kommentare.

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Call me Schriftführer

Yes! Ich bin gewählt. Ob es allerdings eine Kampfabstimmung wie bei der Wahl für den 1. Vorsitzenden war, ist noch nicht überliefert. Denn mit knappen 13:11 Stimmen wurde unser Vorstand entmachtet. Und das Protokoll des bisherigen Schriftführers ist noch nicht publik. Dem ersten Termin für meine neue Aufgabe sehe ich allerdings schon mit Bangen entgegen: Ende November soll das traditionelle gemeinsame Eisbein-Essen des alten und neuen Vorstands stattfinden. Da ich zwar nur Teilzeitvegetarier aber Vollzeit-Eisbeinnichtesser bin, wird es dort sicher ein erstes Naserümpfen geben. Andereseits: Sind wir eine Kleingartenkolonie oder der Verband texanischer Rindertzüchter?

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Schriftführer

Samstag wurde ich vermutlich zum Schriftführer unserer KGA (Kleingartenanlage) Wolkenkuckucksheim gewählt. Vermutlich deshalb, weil ich nicht vor Ort war und die Jahreshauptversammlung ohne mein Beisein stattfand. Es gab keinen Gegenkandidaten. Deshalb schätze ich mal schwer, dass ich im Alter von 39 Jahren meinen ersten Vorstandsposten ergattert habe. Ist zwar nicht die Deutsche Bank. Aber immerhin. In meinem Lebenslauf macht sich das sicher gut. Und auf so einen gut gepflegten Lebenslauf wird heutzutage ja viel Wert gelegt. Habe ich gehört.

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Schnecken

Muss ich erwähnen, dass ich Schnecken hasse, verachte und verabscheue? Ein jedes Schneckentier, das sich in unsere eher längliche Parzelle verirrt, macht Bekanntschaft mit meiner Gartenschere. Das ist kein schöner Anblick, wenn nach einem präzisen Schnitt von links und rechts das Gekröse herausquillt. Aber habe ich Einladungen verschickt, auf denen steht: “Blutjunge Zucchini-Pflanzen! Lecker! All you can eat – for free”? Habe ich das? Nicht dass ich wüsste.
Stattdessen pilgern diese klebrigen, schleimigen, schlonzigen Bastarde aus allen vier Ecken in diese fünf Quadratmeter Erde, die wir sinnvoll zu bebauen gedenken.

Hier eine kleine Chronik der schneckösen Schandtaten bislang:
Kürbis (vorgezogen und vor Ort gesät): Ratzeputz bis auf den, manchmal auch mitsamt , Stiel abgefressen.
Rosenkohl (gesät): Sadistisch verstümmelt, notdürftig am Leben erhalten, nur um jedes neue Blättchen sofort wieder zu zermalmen.
Zucchini: Zu Bröseln verarbeitet, Nabelschnur angefressen, die sich tapfer weiter dahinschleppende Pflanze dann sukzessive und bösartig zerstört.
Kohlrabi: Schon im Larvenstadium ausgehöhlt.
Erdbeeren: Lass und damit am besten gar nicht erst anfangen.
Paprika: Jungpflanzen zu einem Menetekel der Erbärmlichkeit entstellt.
Gurken: Hort täglicher Heimsuchung. Jede noch so zaghafte Blüte: Brutalst, zernagt, zerkaut und abgefressen.

So schlimm ist es mittlerweile um unser schneckenverseuchtes Areal bestellt, dass die Nachbarn bereits von ihrer Grundstücksgrenze aus Schneckenschutzzäune zu uns herüber bauen. Ein warnender Aushang am Vereinskasten ist eine Frage von Tagen. Und erst gestern musste ich entdecken: Die Pöschels von Parzelle 16 müssen in einer Nacht- und Nebelaktion großzügigst entlang unserer Grundstückgrenze Schneckenkorn gestreut haben. Nicht etwa auf ihrer, sondern auf unserer Seite. Zentimeterdick liegt da ein blaukörniger Schutzwall gegen unsere Schneckenzuchtanstalt. Wir sind hilflos. Und beschämt.
Denn wenn ich unserer Tochter, die gerne die überall herumkriechenden Tierchen in die Arme nimmt, selbige mit spitzer Schere und eindeutiger Absicht abnehme, dann fragt sie danach: “Wo Schnecke hin?” Ich lüge gerade heraus: “Die spielt jetzt auf der Wiese.” Es ist entwürdigend.

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Zertifizierte Schreber

Wäre der Technische Überwachungsverein mit Autos so wurstig unterwegs wie unsere Schrebergarten-Prüfer – wir hätten moldawische Verhältnisse auf deutschen Straßen. Auf die Botanik übertragen hieße das: 20 Meter hohe Birken auf einer 20 Quadratmeter-Parzelle, Farne so weit die Augen blicken könnten und Wälder aus Haselnusssträuchen. So motiviert wie unser Vorstand Normann mit seinem Baumscheren bewehrten Gartenfachberater durch unser kleines Reich lümmelten, hätte man denken können sie wären Schlafwandler in Slow Motion.

Leicht abschätzig, aber hauptsächlich desinteressiert lugten sie hinter Hecken. Sagten: “Ach, das ist die Terrasse” zu unserem Wunderding zimmermännischer Handwerkskunst und ließen ihr Gemüt nur durch den Fund dreier von fiesen und ein Gewöll produzierendes Maden befallener Apfelbaumzweige erregen, bevor sie zu unseren Nachbarn von der 14 schlufften.

Ich: “War’s das?”
Die: “Das war’s.”
Ich: “Kriegen wir jetzt einen Stempel in unser Gartenfreund-Mitgliedschaftsbüchlein?”
Die: “Nein.”
Ich: “Auch kein Bienchen?”
Die: “Auch das nicht.”
Ich: “Na dann, bis bald.”
Die: “Tschüss.”

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Gartenbegehung dräut!

Der morgen früh von 10 Uhr an stattfindenden Gartenbegehung sehe ich mit Grauen entgegen. Dann nämlich wird der Vorstand Norman begleitet von unserem Garatenfachberater Egon quasi als Kolonie-TÜV die Einhaltung der in der Satzung vorgeschriebenen mindestens ein Drittel der Parzelle als “kleingärtnerischer Nutzfläche” überprüfen.

Von Parzelle zu Parzelle sich vorarbeitend werden sie sich unaufhaltsam unserem völlig verkrauteten Schandfleck der Kolonie nähern. Bei Pöschels – unseren Anbaustrebern von nebenan – werden sie ungefähr 87 Prozent vorschriftsmäßig genutzter Fläche vorfinden. Dort wachsen sicher noch in der Laube Nutzpflanzen und Balkontomaten, so effizient wird dort gearbeitet. Umso größer dann natürlich der Abscheu des Prüfduos, wenn sie unsere drei mickerigen Beete vorfinden und mit dem kleinsten handelsüblichen Zollstock die paar Quadratzentimeter ausmessen, auf denen tatsächlich etwas Obstig-Gemüsiges sprießt und wächst – und nicht nur soll. Denn: Rasen zählt nicht. Sonst würde ja jeder seine sorgfältig gestutzte Spielwiese mit Backsteinen einfassen ein Schild einschlagen auf dem steht “Kleingärtnerische Nutzfläche” und den ganzen Schmock als ebensolche Nutzfläche deklarieren.

Danach werden sie uns mit Schimpf und Schande aus Wolkenkuckucksheim hinausjagen, uns mit fauligem Torf und fiesen Schlingpflanzen bewerfen und mit altem Bier aus der 5-Liter-Zapfanlage übergießen. Das ist nämlich die vor hunderten von Jahren im Kleingärtnergrundgesetz verankerte Bestrafung für Nichteinhalter des Grundgesetzes. Und zu deren Einhaltung haben wir uns natürlich per Unterschrift verpflichtet. Wir Trottel!

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Rückblickende Vorausschau

Viel ließe sich sagen über den Rest des vergangenen Jahres: Etwa das Jubiläum zum 100-jährigen Bestehen unserer beschaulichen Kleingartenanlage, bei dem ein Stampede-artiges Plündern des Kuchenbuffets nur ein fader Vorgeschmack auf die von Solariums-verwüsteten Gel-frisierten Cateringboys veranstaltete Orgie nur notdürftig angegrillter Wurst- und Fleischberge war und nicht zuletzt beim Alkoholabusus pubertierender Mädchen endete. Ach, es war ein Spektakel.
Dann natürlich das schnellste Ausleihen eines Gartengeräts seit Gartengeräte erfunden wurden. So geschehen nach dem Hinweis unserer Nachbarn Pöschel, dass die Weide doch arg gegen den Zaun dränge, und ob man die nicht etwas stutzen könne. Dass dem kein kategorisches Nein folgte, zog die Nachfrage nach sich, ob wir eine ordentliche Handsäge hätten. Da dies wiederum ein von uns mit „Nein“ beantwortet wurde, hielt ich einen Lichtblitz später eine solche in der Hand und musste üppig absägen, dirigiert von einen nachbarlichen “Den vielleicht auch noch”, wobei das “vielleicht” natürlich ein “aber flott jetzt” war.
Und natürlich: der Wurmfarn. Dessen potenzstrotzendem Ausschlagen, Wuchern und Sprossen im vergangenen Jahr folgte ein maximal unzeremonieller Niedergang, der den einst so stattlichen Farn bald zu einem lächerlichen Haufen Schleim zerfallen ließ. Nebenan auf Parzelle 16 hörten wir schon bei den ersten Schwächezeichen unseres Stolzgewächses bis in die frühen Morgenstunden die Sektkorken knallen.
Jetzt im heraufziehenden Frühling wollen wir alles anders machen! 2009 wird unser Jahr! Wir pflanzen! Wir bauen! Wir schlagen zurück! Mit Terrassen, Hochbeeten, preisverdächtig geschnittenen Rosensträuchern und Guerilla-Pflanzaktionen in benachbarten Gärten. Ich sage nur: Hanf!

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Strom – now!

Das Einbauen der Wasseruhr erweist sich als Kinderspiel – weil ich es selbst nicht machen muss. Ulf von der Parzelle 8 ist der Wasserwart und der krabbelt ganz tief in die schneckenverseuchte Wasseruhrengrube, schraubt und verplombt und Schluss.

Weniger Kinderspiel als Knochenjob ist die Geschichte mit dem Strom. Unser Vorpächter hat einen Schuppen hinter der Hütte abgerissen, das Kabel über eine Astgabel gelegt, den Stromzähler auf einen Stuhl gestellt und einen Papiersack drüber, damit der gute Strom nicht verdampft. Wir müssen das jetzt irgendwie unter die Erde und in die Laube kriegen. Der flugs herbeizitierte Elektriker sagt: “Graben graben! Zwei Spaten tief, einen breit.” Also grabe ich. Mit bloßen Händen reiße ich armdicke Wurzeln ab und schlage mit Vorschlaghämmern Betonplatten zu Klump. Pöschels von nebenan geizen nicht mit hilfreichen Kommentaren (“Als wir hier mal gegraben haben, haben wir eine Handgranate gefunden. Hier wurde nämlich noch gekämpft im zweiten Weltkrieg.”) Na super. Meine nächsten Spatenstiche sind weniger forsch.  

Der Elektriker – natürlich kommt der Meister selbst, er wäre auch ein Idiot sich locker verdiente Kohle an freier Luft entgehen zu lassen – vertrödelt mit bewundernswerter Lässigkeit meine Zeit und Geld. Mit der Gelassenheit eines Minenspezialisten entschärft er den alten Stromkasten, der wahrlich schon bessere und vor allem viele Tage gesehen hat. Was er stattdessen reinschraubt, das würde als Umspannstation für den ganzen Bezirk reichen. Aber auch hier ist die Devise: “Think big”. Denn vielleicht will man ja wirklich eine Nasszelle einbauen, wofür man dann einen Fi-Schalter einbauen könnte. Oder man kauft sich doch endlich den Teilchenbeschleuniger, mit dem man schon so lange liebäugelt und macht dem CERN in Genf Konkurrenz. All das auf 24-Quadratmetern.

Natürlich spricht sich das Stromwunder in Windeseile in der Kolonie herum. Nachbar Doppler von Parzelle 14 freut sich wie ein Kind, dass er das Teil besichtigen darf. Egon kommt mit einer Flasche Bier vorbei, die wir gemeinsam gegen den neuen Kasten schmeißen und ihn damit “GRÖSAZ” (Größter Stromkasten aller Zeiten”) taufen. Rita von der Parzelle 10 kann ich nur mit Mühe davon abbringen, die Neuigkeit, dass Parzelle 15 endlich wieder Strom hat, in den Aushang zu bringen. Es wissen doch schon eh alle. Nur Pöschels wollen ums Verrecken nicht rüberkommen. Stattdessen betrachten sie den Bohei vor unserer Hütte mit Skepsis und deuten mit stummen Gesten gen Farn. Ich versinke vor Scham.

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Egon hilft

 

Weil das Gras hüfthoch steht, sehe ich aus wie ein Dummi mit meinem grasgrünen Billig-Schieberasenmäher. Lange Halme verheddern sich in der schrottigen Mechanik, mit den Klingen der rotierenden Walze könnte man Neugeborene spielen lassen und wenn der Erde doch ein Gräslein entrissen wurde fliegt dieses meterhoch durch Gegend statt im Auffangsack zu landen. Pöschels von Parzelle 16 haben es sich am Zaun in ihren Liegestühlen bequem gemacht und verfolgen das Spektakel mit Interesse. Vermutlich weil sie keine Unmenschen sind, weisen sie mich darauf hin, dass Egon von der 12 den Schlüssel zum vereinseigenen Benzinrasenmäher besitzt. Ich wische mir ein Gras-Schweiß-Gemisch von der Stirn und trabe zu Egon.

Egon scheint nichts besseres vorzuhaben, kommt Minuten später mit dem knatternden Mäher zu uns und fängt an, unseren Rasen zu mähen. Unentschlossen stehe ich daneben, und reiße ihm kurz darauf die Maschine aus der Hand mit dem freundlichen Hinweis, dass er das ja nicht machen müsse. Darauf steht er eine Weile lang unentschlossen herum, und trabt mit dem Versprechen, gleich wieder zu kommen, von dannen. Haaah! Wunderbar dieses Gefühl, alles kurz- und kleinzumähen. Ich zerschreddere auch viele Nutzpflanzen, wo die Natur aufhört und die Kulturanfängt, ist nicht so einfach zu erkennen.

Kaum habe ich den Höllenmäher wieder auf der 12 abgestellt, und bin zurückgelaufen. Ist auch Egon wieder da. “Die Dachrinne”, deutet er. Ja, die Dachrinne. Die scheint voll zu sein, denn der große Regenwasserkanister ist leer. Da gibt es einen kausalen Zusammenhang. Also rauf auf die Leiter und raus mit dem Mist. Egon bleibt, hält Eimer und Leiter, ich pule hartgebackenes Laub aus der Rinne und so arbeiten wir uns einmal um die Hütte. Auf der Anrainerseite zur 16 kommt Nachbar Pöschel dazu und meint, die komplette Rinne müsse raus, die sei ja gebrochen. Egon hält weiter tapfer die Leiter. Wir diskutieren über den Vor- und Nachteil von Plastikdachrinnen. Angesichts der Tatsache, dass ich NULL AHNUNG von Dachrinnen habe, ist mein Gesprächsanteil erstaunlich hoch.

Kaum ist Egon weg, ich hätte ihm wohl Bier geben müssen, aber ich habe keines, steht Egons rüstige 91-jährige Mutter Erna auf der Matte.
“Jaaa”, sagt sie, jetzt stehe ja bald das Jubiläum zum 100-jährigen Bestehen von Wolkenkuckucksheim I an und en detail erklärt sie uns den Festablauf und welche Rolle wir darin spielten. Und nicht nur das, sondern auch noch die Lebensgeschichte von Erwin. Die Liebste rollt mit den Augen. Und während wir das schreiende Kind in den Wagen packen, rufen uns Pöschels hinterher:
„Der Farn, den könnte man ja mal einkürzen. Aber immer langsam – Rom wurde ja auch nicht an einem Tag erbaut.“
Das ist zwar freundlich gesprochen, aber wir wissen, was gemeint ist.
Die Liebste fragt erschlagen: “Ist das jetzt immer so?”.
Ich beschwichtige und verweise auf unseren Neuheitsstatus. Tief drinnen in mir ruft aber etwas: “Oh, mein Gott.”

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