Geistiges Gemüsegärtlein inniger Seelen

Bevor die goldnen Garben gänzlich auf angespannten Wagen weggefahren werden, dürfen sie zusammen mit ausgewähltem Obst und Gemüse noch als Gestaltungselemente auf Altären, Taufsteinen, Tischen und Böden Verwendung finden. So will es die bildzugewandte Seite christlicher Tradition. Überall entstehen derzeit Heiligenbilder auf Äpfel- und Birnenbasis, konkret-poetische Bestandsaufnahmen, die dem Herrn und den Gläubigen die Reichhaltigkeit der Ernte vor Augen führen. Die passende Liturgie aus dem Messbuch:

Wir danken dir, Herr, für die Früchte der Erde
und für das Walten deiner Vorsehung.
Lass auch die Früchte deiner Gnade in uns reifen:
die Gerechtigkeit und die Liebe.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Hier heißt es also nicht „Sehet, die Blumen in den Gärten“, sondern „Ihr seid Blumen“ bzw. „In euch wächst Gemüse“. Der Erntedankaltar des Innenlebens ist mit Liebesfleischtomaten, mit Gerechtigkeitstrauben und Gnadenastern bestückt. Doch welches Bild ergibt sich aus dem Pflanzenmosaik?

Veröffentlicht unter Allgemeines | 1 Kommentar

Analoge Emigranten

Total vergessen: Als junger Mensch braucht man auf dem Lande gar keinen Garten, um Outdoor-Feste zu feiern. Man sucht sich einen Platz in der freien Natur, stellt ein Notstromaggregat auf, rollt 50 Meter Kabel aus, damit der Lärm nicht stört, und hängt große Boxen an die Stromquelle. Für völlig Taube werden Grablichter an den entsprechenden Feldwegabbiegungen aufgestellt. Feuer, Bier, anarchistische Heiterkeit.

Am Donnerstagabend war ich zu einer solchen Party eingeladen – am Stauwehr von Bubenroth zwischen Dollnstein und Breitenfurth, 50 Radelminuten von Eichstätt entfernt. Ein Gründerzeit-Rave wie in den frühen Neunzigern? Die beiden Gastgeber hatten vergessen, ihre Veranstaltung auf Facebook zu posten. Analoge Abmachungen gelten heute nichts mehr, jammerten sie. Sie seien Emigranten aus einer Zeit, in der echte Präsenz noch eine Rolle gespielt habe. Zu dritt waren wir dann so lange präsent, bis uns die Altmühltal-Bremsen und  -Schnaken völlig verspeist hatten.

Veröffentlicht unter Allgemeines | Hinterlasse einen Kommentar

Martin II

Gestern kam Martin ausnahmsweise nicht in seinem Staatsanwaltsoutfit in den Garten. Er hatte sich als Messias verkleidet. Nachdem er ein wenig durch Gethsemane spaziert war, ging es auf die Knie und redete etwas von einem Kelch, dessen Inhalt gerne verschütt gehen dürfe. Dann fragte er mich, ob ich diese, wie soll er sagen, Handke-Momente auch kenne, diese epiphanischen Überblendungen verschiedener Orte oder auch unterschiedlicher Menschen.  Er hätte jetzt zum Beispiel den starken Eindruck, dass ich Judas sei und wir uns in Oberammergau befänden. „Mit dem SZ-Artikel von neulich habe ich nichts zu tun“, beteuerte ich, küsste ihn aber dennoch auf die Stirn.

Als ich wieder Johannisbeeren pflückte, sah ich, wie er sein selbst gemachtes Kreuz aufstellte, und sich mit offenbar eingeübter Oberammergau-Technik daran fesselte. Heute wolle er seine Gefühle einmal wortlos ausdrücken, und so fühle er sich nun mal, er, Martin-Percy-Jesus: gekreuzigt. „Schreiben Sie doch mal wieder einen Campus-Roman“, riet ich, unter den Johannisbeerhecken sitzend. „Zum Beispiel über Ihren In-Residence-Aufenthalt neulich in Manchester. Dann verliebt sich Burkhard Müller in die tolle Fran mit den Halm-Augen und Sie bekommen gute Noten.“ Martin-Percy-Jesus hatte inzwischen jedoch schon mit der nächsten Szene begonnen, und die Gartennachbarin mit dem Bambus-Problem unters Kreuz gelotst: „Das ist dein Sohn“, sagte er. Und zu mir: „Das ist deine Mutter.“ Ich bot ihr Johannisbeeren an, falls sie mal Kuchen backen wolle. Ihr Familien-Deal: ich dürfe mich jederzeit in ihrem Bambusdickicht bedienen.  „Lucky you“, meinte Martin und begann mit einer Improvisation zu Matthäus 27,42 der King-James-Bible: „I can save others, but I cannot save myself …“

Veröffentlicht unter Allgemeines | Hinterlasse einen Kommentar

Mehltau ist kein Manna

Das Bohnenstangenhäuschen hab ich selbst gemacht; das Hochbeet: selbst gemacht, auch den Baumschnitt: selbst gemacht; Zucchini, Kürbisse, Bohnen: ebenfalls selbst gemacht, oder zumindest selbst gezogen, selbst geerntet, selbst Erntedank gefeiert. Jedem Gärtner geht dieser Halbsatz on high roation über die Lippen, wenn er sich nicht etwas zusammenreißt und ab und zu versucht, so zu tun, als würde im Garten alles von selbst entstehen. Wer sich darin nicht übt, dem geht es wie JMR Lenz (s.u.), der es zeitweise mit Genie-Behauptungen derart übertrieben hat, dass seine Freunde Gebote der Bescheidenheit und des Anstands übertreten sahen. Angesichts seines schnell angewachsenen selbst gemachten Werks hatte Lenz im Grunde recht mit seinem „I’m a genius“-Geplärre. Aber Mitmenschen reagieren eben etwas gebremster auf die Produktpräsentation der Schöpfung als der Schöpfer selbst. Offenbar gilt das für Schöpfungen aller Art. Selbst im Paradies wollte keine rechte intersubjektive Euphorie über das in sechs Tagen selbst gemachte Universum aufkommen.

„365 Tage, 2 Hände, 22 Projekte“ heißt der Untertitel von Susanne Klingners neuem DIY-Buch. Von der Anzahl der Tage abgesehen, hätte Luther diese flotte Synopse auch über Genesis 1, 1-36 schreiben können. Der Titel selbst – „Hab ich selbst gemacht“ – ist ja eine freie Übersetzung von „Genesis“. Wenn so viel Genie-Kult und Schöpfungsallusion nicht einigen Mitspielern aus Susannes Umfeld auf den Zeiger geht … Lenz hatte jedenfalls zuletzt keine Freunde mehr.

Das Besondere an Susanne Klingners Schöpfungsbericht ist, dass er sich nicht auf die Darstellung der Weltentstehung beschränkt, sondern auch eine Art Schöpfungsanweisung enthält. Manchmal rückt die Genesis-Erzählung sogar zugunsten irgendwelcher DIY-Ermutigungen in den Hintergrund. Daher muss man den 365-tägigen Schöpfungsprozess auch nicht in ganzer Länger mitverfolgen. Wie in Kindersendungen heißt es immer wieder: „… and here is one I’ve made earlier.“ Doch es kommt auch vor, dass Susanne ihr Schöpfungsergebnis noch nicht vorstellen kann und so ihre Weltentstehung in eine kleine Krise gerät. Am 182. Tag zum Beispiel:

Wie gern würde ich jetzt in meinen Garten rausgehen, ein paar Zucchini ernten und sie zusammen mit Nudeln braten oder einen Salat daraus zubereiten. Nur leider: Es gibt im Moment nichts zu ernten. Alle kleinen Zucchinifruchtansätze sind in der sengenden, schwülen Julihitze der letzten Tage zugrunde gegangen. Und nicht nur das: Die Blätter meiner Zucchinipflanzen haben Mehltau bekommen.

In der Wonnhalde: das gleiche Bild. Jedoch lässt sich Susannes Begründungsstruktur nicht auf den Freiburger Juli 2011 übertragen: von schwüler Hitze kann keine Rede sein. Feuchte Kälte wirkt sich auf Zucchinipflanzen offenbar ähnlich aus. Wo auch immer der Mehltau herkommt: ich will meine Zucchinipflanzen retten! Wer weiß Rat?

Veröffentlicht unter Allgemeines | Hinterlasse einen Kommentar

Sondermüllbelastung in Schrebergärten und ihren Blogs

Von mündlichen Kommentatoren wird immer wieder darauf hingewiesen, dass der kurze Text in der „Über dieses Blog“-Schublade nichts mit dem Blog zu tun habe. Der „Kampf mit der Scholle“ sei nicht sichtbar, der Jubel über die Kürbis komme allenfalls in einem mit Dog-Fights engführten Pflanzenwettrennen vor. Es gehe also eher um „Amores Perros“ als um eine echte Schneckenjagd.
Man solle das Blog doch „Eine Apologie des Gärtnerns“ nennen, eine Rechtfertigungslehre für die Abkehr von Mensch und Kultur hin zu Pflanzen und Schnecken, nur um dann gleich wieder auf die alten Themen zu sprechen zu kommen. Garten als bloße Natur und ganz ohne Wolf Haas ist eben auch nicht wünschenswert. Quasi Beschwörung qua Austreibung. In diesem Sinne ein wenig O-Ton aus „Der Brenner und der liebe Gott“:

Schrebergärten sind natürlich ein ganz eigenes Thema. Da ist schon viel darüber gesagt worden, weil allgemein bekannt, dass die Bäume und Sträucher so gut wachsen, weil eine Leiche immer noch der beste Dünger ist, den du finden kannst. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sagen, in Schrebergärten mehr Leichen als auf den Friedhöfen, aber die Sondermüllbelastung auf jeden Fall größer. Weil bei den normalen Friedhöfen nehmen sie den Verstorbenen doch die schlimmsten Sachen heraus, die Batterien von den Herzschrittmachern, die künstlichen Gelenke, die Zahprothesen und Silikonsachen, damit das Grundwasser nicht zu sehr leiden muss. Und die Schreberartenleichen werden meistens huschpfusch in aller Eile verscharrt, Batterien und alles drinnen. Den Pflanzen macht das komischerweise nichts aus, die gedeihen auf Teufel komm raus, aber langfristig, das Grundwasser muss es büßen.

Veröffentlicht unter Allgemeines | Hinterlasse einen Kommentar

Martin

Ein gutes Beerenjahr, sagt Martin Walser, der Gartenpächter von nebenan. Er kommt immer im Anzug in die Kolonie und zieht sich erst im Garten das Gärtner-Outfit an. Jetzt steht er über seinen Stock gebeugt und zählt Beerensorten auf: Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren, vor allem Johannisbeeren. 1993 war er noch ein angry young man, ein echter Morrisey-Typ, der nach seiner Tübinger „Ohne einander“-Lesung sein Publikum beschimpfte und die Fragerunde schließlich unwirsch beendete. Davon ist fast nichts mehr zu spüren. Altersmilde = Gartenseligkeit. Konversational zuvorkommend sein will er dann aber doch nicht. Die in der Gartenkolonie hundertfach hergesagte Begründung für das gute Beerenjahr will ihm nicht über die Lippen. Plattitüden überlässt er gerne mir: Ein trockenes Frühjahr, ein feuchter Sommer, das gefällt den Beeren. Ja, ja. Soso.

Veröffentlicht unter Allgemeines | 3 Kommentare

Das Raubtier des Kleingartens: „Der Kürbis“

Die Natur ist gewaltig. Und gewalttätig. Wer hier an Säbelzahntiger, Mastodons und Killerbienen denkt, liegt falsch. Alle drei sind laut Kleingarten-Ordnung in Berlins Schrebergärten verboten. Erlaubt dagegen ist ein pflanzliches Lebewesen, das in punkto Raumbesitznahme und Rücksichtslosigkeit der Russen-Mafia das Wasser reichen könnte.

Ich meine den Hokkaido.

Jaaa, der ist schmackhaft, man muss ihn nicht schälen. Kein Herbst ohne Kürbis. All das. Und unscheinbar, wenn man ihn Mitte Mai ins Freiland entlässt. In einem Art Pflanzen-Wettrennen habe ich ihn am 12. Mai gemeinsam mit einer Zucchini-Pflanze und einer Zuckermelone ausgewildert. Vermessen. Ich weiß.

Anfangs waren alle gleichauf. Schon nach kurzer Zeit, legte die Zuckermelone aber ordentlich vor. Ihre Ausläufer erkundeten Neuland. „Raus aus dem Kompost!“, riefen sie in jugendlichem Überschwang.

Aber natürlich hatte sie nicht mit dem alten Kürbis-Hasen gerechnet. Der kam aus der Deckung, übermannte das forsche Gewächs, fiel ihm in den Rücken und duldete noch für kurze Zeit seinen eigentlichen Widersacher: die Zucchini.

Nicht für lange aber, da war es auch um diese Pflanze weitgehend geschehen. Derzeit fällt der Kürbis über die Staudensellerie her, walzt einer Lawine in alle Richtungen, macht die Kornblumen platt, den Weizen ohnehin, versuchte gar Nachbars Sauerkirschbaum zu annektieren, was mit geschwinder Hand unterbunden wurde.

In Kürze müssen wir jetzt aber einschreiten, sonst kriegen wir die Tür zu unserem eigenen Garten nicht mehr auf. Die Gartenfreunde von Parzelle 12 haben Zettel aufgehängt, dass sie ihre Katze vermissen. Und es würde uns nicht verwundern, wenn dieses Monstergewächs etwas mit dem dreibeinigen Igel zu tun hätte, der gestern unseren Weg kreuzte.

Veröffentlicht unter Allgemeines | Verschlagwortet mit , , | 1 Kommentar

Wieder mal: JMR Lenz

“Undoubtedly philosophers are in the right when they tell us nothing is great or little otherwise than by comparison. It might have pleased Fortune to let the Lilliputians find some nation where the people were as diminutive with respect to them as they were to me. And who knows but that even this prodigious race of mortals might be equally overmatched in some distant part of the world, wherof yet we have no discovery.”

So grübelt Gulliver auf Reisen über das Phänomen der Dimensionen. Ganz so viel werden sich meine Gartennachbarn beim Anlegen ihres Zwergengärtleins nicht gedacht haben. Dennoch werten Gullivers Pensés die ganze Miniaturkultur gewaltig auf. Nach seinem Denkmuster kann der Schrebergärtner nun seinem Zwerg auf den Bizeps schauen und swiftianisch über die kleine Kraft nachdenken, die seinem Pendant in der Zwergenparallelwelt lediglich zur Verfügung steht. Dafür ist der Zwergengarten auch nur 2,5 Quadratmeter groß. Auch seine Mütze und seine Kappe ist um einen fixen Quotienten kleiner, den es noch zu errechnen gilt. Ein Paradies für Dreisatzspezialisten, aber auf für solche, die – wie Gartenzwerg-Nazis und Stürmer&Dränger – „dem Schöpfer gemäß eine kleine Welt“ erschaffen wollen. So hat es JMR Lenz in seinen „Anmerkungen übers Theater“ ausgedrückt. Vielleicht ist er der heimliche Begründer der Gartenzwergkultur, die sich ja zum Glück weiter entwickelt.

Veröffentlicht unter Allgemeines | Hinterlasse einen Kommentar

Provisorien

Provisorien sind verlogene, kleine Bastarde. Sie tun so, als würden sie nur kurz auf einen Kaffee vorbeikommen. Meist kleben sie aber schon wenige Stunden später ihren Namen an den Briefkasten, deponieren Rasierzeug im Badezimmerschrank und kaum versieht man es sich, haben sie sich schon ein Zimmer eingerichtet, selbiges in hässlicher Schwammtechnik gestrichen und sind mit der Bohrmaschine zugange, um Regale anzubringen für die Bücher, die ein schwerbeladener eben die Straße einbiegender Umzugslaster ankarrt.

Dass auch im Schrebergarten ein Provisorium meist mitnichten eine für einen vorübergehenden Zweck eingerichtete Sache ist, deren zeitliche Beschränkung von vorneherein festgelegt ist (Definition Wikipedia), ist eine allgemein anerkannte Binse.

Mein Lieblingsprovisorium hat sich bereits hier vor gut drei Jahren mit großem Tschingderassabum angekündigt. Eine marode Dachrinne! Welch Tölpel sollte die auch reparieren wollen, wenn doch das Wasser doch immer irgendwie seinen Weg in den Regenauffangbehälter fand – bis dieses Jahr die große Trockenperiode im Frühling zuschlug und das provisorische Ende des Provisoriums-Elends einläutete: Mittels eines Latexhandschuhs und etwas Bindedraht wurde die lecke Stelle einerseits abgedichtet und andererseits der Wasserfluss durch einer waagrechtere (nicht waagrechte) Ausrichtung der Regenrinne minimal verbessert.

Die Latexhandschuhe bilden aber, sobald das Wasser kommt, ihrer Finger wegen kleine unschöne euterartige Gebilde. Außerdem sind sie von minderer Qualität und zerbröseln im Sonnenlicht binnen weniger Stunden. Deshalb müssen sie mehrmals die Woche ausgetauscht werden. Dafür muss ich erstmal in den Supermarkt, weil die Latexhandschuhe schon wieder aus sind, dann die Abwesenheit unserer Nachbarn abpassen, in deren Parzelle einsteigen um an die Rinne überhaupt ranzukommen, eine Trittleiter auf sehr weichem Boden so platzieren, dass sie nicht versinkt, kunstvoll einen neuen Latexhandschuh um die Bruchstelle drapieren, das verhunzte Nachbarsbeet nach Abzug der Leiter wieder herrichten und danach meine Spuren verwischen. Abschließend ist es nötig, niederzuknien und mehrere Stunden um einen dichten Wolkenteppich zu beten, damit die Latexhandschuhe nicht wieder so schnell von der UV-Strahlung zerbröselt werden.

Ich könnte natürlich auch die Dachrinne reparieren. Aber ich bin doch nicht blöd.

Veröffentlicht unter Allgemeines | 1 Kommentar

Sometimes I think life is rather like that

In Gottes ureigenem Schrebergarten sieht der Sauerampfer immer noch am kräftigsten aus. Und auch so hübsch arrangiert. Allerdings auch hier: Raupen- und Käferbefall. Eine Allegorie der Theodizee?

Veröffentlicht unter Allgemeines | Hinterlasse einen Kommentar