Martin II

Gestern kam Martin ausnahmsweise nicht in seinem Staatsanwaltsoutfit in den Garten. Er hatte sich als Messias verkleidet. Nachdem er ein wenig durch Gethsemane spaziert war, ging es auf die Knie und redete etwas von einem Kelch, dessen Inhalt gerne verschütt gehen dürfe. Dann fragte er mich, ob ich diese, wie soll er sagen, Handke-Momente auch kenne, diese epiphanischen Überblendungen verschiedener Orte oder auch unterschiedlicher Menschen.  Er hätte jetzt zum Beispiel den starken Eindruck, dass ich Judas sei und wir uns in Oberammergau befänden. „Mit dem SZ-Artikel von neulich habe ich nichts zu tun“, beteuerte ich, küsste ihn aber dennoch auf die Stirn.

Als ich wieder Johannisbeeren pflückte, sah ich, wie er sein selbst gemachtes Kreuz aufstellte, und sich mit offenbar eingeübter Oberammergau-Technik daran fesselte. Heute wolle er seine Gefühle einmal wortlos ausdrücken, und so fühle er sich nun mal, er, Martin-Percy-Jesus: gekreuzigt. „Schreiben Sie doch mal wieder einen Campus-Roman“, riet ich, unter den Johannisbeerhecken sitzend. „Zum Beispiel über Ihren In-Residence-Aufenthalt neulich in Manchester. Dann verliebt sich Burkhard Müller in die tolle Fran mit den Halm-Augen und Sie bekommen gute Noten.“ Martin-Percy-Jesus hatte inzwischen jedoch schon mit der nächsten Szene begonnen, und die Gartennachbarin mit dem Bambus-Problem unters Kreuz gelotst: „Das ist dein Sohn“, sagte er. Und zu mir: „Das ist deine Mutter.“ Ich bot ihr Johannisbeeren an, falls sie mal Kuchen backen wolle. Ihr Familien-Deal: ich dürfe mich jederzeit in ihrem Bambusdickicht bedienen.  „Lucky you“, meinte Martin und begann mit einer Improvisation zu Matthäus 27,42 der King-James-Bible: „I can save others, but I cannot save myself …“

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